Trockenrocken

Endlich: Das Wochenendprogramm ist da. Die Wassermassen haben das Mattefescht weggespült. Am Freitag und Samstag steigt nun aber vor dem Stade de Suisse Wankdorf das Solidaritätsfest Wetrock – unter anderen mit Gigi Moto, Mich Gerber (hoffentlich mit trockenem Bass), Stiller Has, Tomazobi und Open Season. Sieht man sich beim Trockenrocken?

Kein "Weblog"

Eigentlich wollte der Berner Zeitungsblogger über Google Talk und Sofortmitteilungen bloggen. Er wollte loben, dass Google auf den Jabber-Standard statt auf ein proprietäres Format setzt. Er wollte aber auch darauf hinweisen, dass „Google Talk“ kaum etwas bringt, was die anderen Programme nicht auch können.

Das liege diese Woche nicht drin, bescherte ihm dann aber der zuständige Redaktor etwas zerknirrscht. Aus technischen Gründen sei die dritte Seite im Bund Showtime kurzfristig gestrichen werden. Deshalb sei hier kurz mitgeteilt: Das nächste „Weblog“ erscheint in einer Woche.

Die Rckfhrung (Teil II)

Sonntagmittag: Beim zweiten Versuch klappt es. Ich darf nicht nur in die Wohnung zurück. Ich darf nun auch dort wohnen. Oder besser: Ich darf dort campieren. Zwar gibt es Gas und Strom. Die Toilette darf jedoch noch nicht benutzt werden; die Notdurft verrichtet man notdürftig auf den Chemietoiletten beim Schulhaus. Zudem gibt es in unserem Haus kein fliessendes Wasser – oder in Anbetracht der vergangenen Ereignisse vielleicht besser: kein Leitungswasser. Der Keller unseres Hauses steht noch zur Hälfte unter Wasser. Erst der Sattel meines Rennvelos ist nach einer Woche in der braunen Brühe wieder aufgetaucht.

Am Abend pumpt die Feuerwehr den Keller soweit leer, dass man die Kellerabteile wieder erreichen kann. Bei meinem steht die Tür sperrangelweit offen; ich habe sie vor dem Unwetter bloss angelehnt. Im Abteil liegt alles an einem Haufen: die schweren Kisten mit den Büchern, Ordnern und Dias, die Schuhe, Werkarbeiten, Inlineskates, die Elektrogeräte und Militärsachen. Ich lasse alles liegen.

Am Abend schlendere ich durch die Matte ins „Tramdepot“. Denn Brot habe ich keines im Schrank. Und zum Kochen fehlt das Wasser. Die paar Gegenstände in meinem Keller sind eine Bagatelle im Vergleich zu dem, was ich unterwegs sehe: Entlang der Häuser liegen mannshohe Haufen – das Interieur ganzer Haushalte, die Waren der meist kleinen Geschäfte. Einige davon haben keine Versicherungsgesellschaft gefunden, die sie – nach den früheren Hochwasser – noch versichern wollte. Am Geländer des provisorischen Holzstegs trocknen notdürftig gereinigte Teppiche. Auf dem Rückweg scheint die Matte wie ausgestorben. Einzig Militär, Feuerwehr und Polizei patroullierten durch das Quartier.

Am nächsten Morgen: Die Mitarbeiterin der „Mobiliar“ kommt vorbei und macht ein Foto des Kellerabteils – ein Totalschaden, wie sie sagt, ausser dem Velo vielleicht, das ich zum Mechaniker bringen soll. Nun kann die Arbeit beginnen. Das Wasser hat die schweren Kisten mit den Büchern und den Ordnern umgekippt; trotz der Kehrichtsäcke, in die ich die Bücher gepackt hatte, sind sie komplett durchnässt. Die Kartonschachteln sind in eine schlammige Pappe zerfallen, die Kleingegenstände, Werkarbeiten und Souvenirs liegen verstreut am Boden. Meine Wanderschuhe und eine kleine Holzschachtel aus dem Werkunterricht sind bis zum Kellereingang geschwommen. Und eines der beiden Djembes liegt in der anderen Ecke des Kellers bei der Waschmaschine. Kiste um Kiste trage ich die Gegenstände aus dem Keller vor das Haus. Dort mache ich das Inventar, öffne nochmals die alten Hefte und Bücher, sortiere einige Gegenstände aus. Doch zu retten gibt es wenig. Das meiste landet auf dem Müllhaufen vor dem Haus, darunter alle Notizen, Arbeiten, Lager- und Exkursionsberichte aus dem Lehrerseminar, das persönliche Archiv der Schülerzeitung Klack, Notizbücher, Aufzeichnungen, Fotos aus der Kindheit. Einige Gegenstände spüle ich gegen Abend ab, versuche den stinkenden Schlamm abzuwischen, lasse sie auf meinem Balkon trocknen.

Insgesamt fünf Keller räumen meine Nachbarn mit zwei jungen Helfern, die eine Nachbarin engagiert hat, und mir an diesem Tag im Licht von Taschenlampen leer; die vom älteren Nachbarsehepaar angeforderten Hilfskräfte treffen nicht ein.

Zwischendurch zeigt mir ein Kollege seine Wohnung: Die vor kurzem komplett renovierte Wohnung muss ganz saniert werden. Alles liegt unter einer Schicht Schlamm, die Wandisolation fällt in Brocken ab, der Parkettboden wölbt sich entlang den Wänden kniehoch.

Derweil pumpt die Feuerwehr im Keller unserer Liegenschaft das restliche Wasser ab und fordert einen Elektriker an. Dieser setzt später die so genannte Fäkalpumpe wieder in Betrieb, die unser Sickerwasser aus dem Keller in die höher gelegene Kanalisation pumpt. Zwei Mitarbeiter der EWB finden heraus, weshalb unser Haus – anders als die umliegenden Liegenschaften – noch immer kein Leitungswasser hat: Offenbar hat ein Mitarbeiter am Anfang der Überschwemmung versehentlich statt der Gas- die Wasserzufuhr abgestellt; die beiden – schlecht beschrifteten – Deckel befinden sich in der Strasse gleich nebeneinander. Sie drehen die Wasserversorgung wieder an, stellen dafür die Gasversorgung ab. Diese müsse zuerst kontrolliert werden. Die Zuleitung befindet sich aber im Abteil jener Mieter, die erst am kommenden Tag kommen können. Warmwasser gibt es auf unbestimmte Zeit keines: Das mannshohe Expansionsgefäss für das Wasser liegt umgekippt im Heizungsraum. Dort müsse wohl alles ersetzt werden, sagt der Mitarbeiter der EWB.

Nach 12 Stunden im Keller und vor dem Haus, wasche ich meine Kleider behelfsmässig unter der Dusche aus, rubble dann unter dem kalten Wasser die Dreckkruste von meiner Haut. So, das derzeit Wichtigste ist erledigt: Der Keller ist fast ganz geräumt.

Die Rckfhrung (Teil I)

Die „Rückführung“ könne beginnen. Diese Meldung entdeckte ich gestern Abend kurz vor Verlassen des Büros auf der Notseite des Matte-Leistes. (Ein grosses Merci übrigens an Rosmarie Bernasconi und Peter Maibach für die Fernbetreuung der Notseite, der ausführlichsten Informationsquelle während der Überschwemmung.) Zuerst habe ich ja etwas geschmunzelt über den Begriff „Rückführung“, wie er in der Polizeimeldung stand. Doch ich sollte eines besseren belehrt werden.

Doch der Reihe nach: Ich wuchtete den Rucksack auf den Rücken – zufälligerweise hatte ich am Morgen vor der Evakuation meine schmutzigen Kleider mitgenommen, um sie im offenbar einzigen zentralen Selbst-Waschsalon beim Café Kairo zu waschen – und machte mich auf den Weg. Unten am Läuferplatz angekommen, erledigten zwei Polizisten die Formalitäten und eine psychologische Betreuerin versuchte mich in ein Gespräch über die Belastungen eines Lebens ohne Strom, fliessendes Wasser und Gas zu verwickeln.

Und dann wurde ich tatsächlich zurück geführt. Nein, nicht von einem Geistheiler oder so, sondern von einem Polizisten. Während wir an zerborstenen Schaufenstern und Schutthaufen vorbei durch eine gespenstisch ausgestorbene Matte wandelten, erzählte er mir, dass derzeit viele Leute kämen, die in der Matte nichts zu suchen hätten – vorwiegend Gaffer und Katastrophentouristen, aber nicht nur: Ohne die Polizeipräsenz und die Begleitung könnte es zu Plünderungen kommen, sagte der Polizist. So gut bewacht war meine Wohnung noch nie.

Der Eingangsbereich des Hauses war entwässert; der ehemals vollständig gefüllte Keller bis zur viert untersten Treppenstufe ausgepumpt. Ich stellte den Rucksack ab, bedankte mich beim Polizisten. Dieser wollte aber nicht gehen. Er müsse mich wieder aus dem Sperrgebiet begleiten, sagte er. Die Liegenschaftsverwaltung hätte die Wohnung noch nicht abgenommen, was die Polizisten auf dem Läuferplatz offenbar nicht gewusst haben. Und so schulterte ich wieder meinen Rucksack und kehrte zurück in mein Exil am Fusse des Frienisbergs.

Evakuiert

Soeben bin ich zwangsevakuiert worden. Meine Untermieterin – die Frau, die unter mir mietet – hat mich im Büro angerufen. Offenbar hat die Polizei nun auch jene aus unserem Wasserschloss geholt, die bislang dem kalten Wasser, dem kaputten Cablecom-Anschluss und dem etwas unorthodoxen Heimweg per Wassergraben und Kletterpartie getrotzt haben. Tatsächlich: Die Matte werde zwangsevakuiert, steht in einer heutigen Polizeimeldung.

Eine andere Nachbarin klagte am Telefon, die Polizei mache auf Panik. Die Beamten hätten sie sehr rüde aufgefordert, das Haus sofort zu verlassen, und ihr kaum Zeit zum Packen gelassen.

Bislang hatte ich das Gefühl, dass man in unserem Gebäude trotz des bis zur Decke gefüllten Kellers und einigen Zentimetern Wasser im Hauseingang gefahrlos „campieren“ kann. Aber eben: Von Statik verstehe ich nichts. Und selbst ein unnötiges Evakuieren ist wohl besser als einen Unfall zu riskieren.

Weblog: Der Fisch im Garten

Eigentlich wollte er übers Surfen schreiben. Doch dann schwappte die Flut über die Kanalmauer. Der Wasserstrom floss in den Keller, und der elektrische stockte. Der Zeitungsblogger sollte an jenem Tag nicht mehr netzwerken können. Er kam ins Schwimmen. Denn ohne Netz gibts keine Weblogs. Und die Zeit bis zum Abgabetermin verfloss rasch.

Tags darauf im trockenen Büro: Der Zeitungsblogger will wissen, was andere erlebt haben. Er surft zu einem Weblog-Verzeichnis, schmökert in den Schilderungen seiner Mitbloggerinnen und Mitblogger. Ihr Sohn könnte aus seiner Loge in die Aare hechten, schreibt Edithrina Rinaa. «3rd male: 10» sei in der Schule gewesen, als die Aare gekommen ist, schildert 2nd, female: 35. Der Kleine habe seine Sachen packen und zu «den Grossen» hinauf gehen müssen, während die Aare den Raum mit brauner Sosse gefüllt habe. Otto Normal sinniert in Gedichtform, die einen hätten «ein wenig zu viel, die anderen viel zu wenig» Wasser. Leu macht, wie er selbst schreibt, «einen auf Schröder» und nutzt das Hochwasser für seinen «Wahlkampf zum Kulturminister»: Er wettert über die untätigen Behörden. Ghost enerviert sich über einen Feuerwehrmann, der ihm das Knipsen verbieten wollte. Orli zeigt Fotos aus Thun und Bern, und Roland die Überschwemmung von der Brücke aus – und die Gucker darauf.

Der Berner Zeitungsblogger ist ernüchtert: Fotos hat er viele gefunden, Geschichten nur einzelne. Deshalb erzählt er nun eine eigene: Seine Nachbarn beugen sich über die Balkonbrüstung, starren verdattert ins trübe Wasser. Plötzlich rufen sie überrascht aus: «Wir haben einen Fisch im Garten.»

Meine Kolumne Weblog erscheint wöchentlich im Bund Showtime der Berner Zeitung. Der oben stehende Text wurde am 24. August 2005 in der BZ sowie auf Espace.ch veröffentlicht. Einige Tage nach der Publikation erscheinen die Weblogs jeweils hier auf borniert.com.

Hochwasser in der Matte

Montagmorgen, 6 Uhr: Ich schrecke aus dem Schlaf auf. Die Polizei fordert die Matte-Bewohner per Lautsprecherdurchsage auf, die Autos sofort umzuparkieren. Bereits auf meiner Höhe – ganz oben im Matte-Quartier – ist die Aare über den Kanal getreten. Das Wasser steht auf der Fahrbahn knöcheltief. Während der ganzen Nacht hatte die Feuerwehr mit Motorsägen auf dem Schwelle Schwemmholz verkleinert, das die Schleusen blockiert.

Wenig später: Wir versuchen die Türe der Schneiderei an der Schifflaube mit Lehm etwas abzudichten. Die Inhaberin reicht Kleider, Schaufensterpuppen aus dem Fenster. Wir bringen sie in eine Wohnung im ersten Stock. In unserem Keller drückt Wasser durch die Wände. Noch kann es abfliessen. Die Polizei sagt, wir sollten nun nicht mehr in den Keller, da es einen Wassereinbruch geben könnte.

Ca. 7.30 Uhr: Eine Frau marschiert mit zwei Hunden durch die Wasserwerkgasse. Plötzlich steht sie bis zur Hüfte im Wasser. Sie nimmt die beiden schwimmenden Hunde in die Arme. Am höchsten ist der Wasserstand in der Mattenenge. Ich stehe bis zum Bauchnabel im Wasser. Das Wasser sei bereits jetzt so hoch wie 1999, sagt ein Zivilschützer, der damals selbst im Quartier gewohnt hat. Ich erzähle der Reaktorin von Radio Extra Bern kurz, wie die Situation ist.

Seither steigt das Wasser immer weiter. Die Polizei fordert Passanten auf, an den Häuserfronten entlang zu gehen. „Wir wollen nicht auch noch Personenschaden“, sagte der Beamte. Nun nützt auch die improvisierte Sperre vor der Töpferei und Flechterei in meinem Haus nichts mehr. Ich gehe wieder helfen.

Weblog: Der Pinguin kam im Sommer

Eigentlich hatte er sich den Sommer anders vorgestellt: Er wollte sich in der Sonne suhlen, durch Seen schwimmen, Berge erklimmen. Doch es kam anders: Kaum hatte der Berner Zeitungsblogger die Ferien eingeläutet, verabschiedete sich sein Rechner. Urplötzlich tickte er nur noch urkomisch vor sich hin. Zuerst tippte der Blogger auf einen Virus. Er wollte bereits zu einer Tirade auf das Betriebssystem mit den sperrangelweit offen stehenden Fenstern ansetzen. Doch dann wurde ihm klar, was passiert war: Die Festplatte hatte sich an der Platte fest den Lesekopf angeschlagen. Der Zeitungsblogger fürchtete um all die Buchstaben, die er irgendwann aneinander gereiht, um all die Schnappschüsse, die er irgendwann geknipst, um die Adressen, die er irgendwann fichiert hatte. Fiebrig durchwühlte er seine Stapel. Er fand zumindest ein leicht angestaubtes Backup. Ein Zeitungsblogger ohne Rechner, sinnierte er dann, sei wie ein Fisch ohne Wasser. Und so baute er flugs eine neue Platte in sein Thinkpad ein – statt sich im Marzili zu suhlen.

«Nein, Microsoft kann wirklich nichts dafür», wiegelte der Zeitungsblogger ab. «Trotzdem», insistierte sein Kollege. Jetzt, da er ein Betriebssystem neu installieren müsse, sei der Zeitpunkt für den Wechsel von Windows zu Linux gekommen. Das leuchtete dem Zeitungsblogger ein – nicht zuletzt, weil er keine Ahnung hatte, auf welchem Stapel seine Windows-CD lag. «Welche Distribtion?», fragte der Kollege. Der Zeitungsblogger faselte etwas von «alle haben Vor- und Nachteile», leerte das Glas und ging recherchieren.

Linux sei ein gemeinschaftlich entwickeltes Betriebssystem, las er bei Distrowatch. Das System mit dem Maskottchen Pinguin sei in diversen Zusammenstellungen – sprich: Distributionen – erhältlich. Bloss: Sollte er das dicke Paket von Suse kaufen, oder jenes von Mandriva? Wäre Linspire, das sich von Windows inspirieren liess, praktisch? Sollte er sich an Debian, Gentoo oder Slackware versuchen – jenen Distributionen, auf die Technikfans schwören? Der Zeitungsblogger fragte Kollegen um Rat. Einige empfahlen Ubuntu.

«Ubuntu» stamme aus der Sprache der Zulu und lasse sich mit «Gemeinwohl» oder «Menschlichkeit» übersetzen, las er. Hinter Ubuntu stecke die Firma Canonical des Südafrikaners Mark Shuttleworth – genau: dem Weltraumtouristen. Er habe 10 Millionen Dollar in die Ubuntu-Stiftung eingeschossen – weil er überzeugt sei, dass die Welt eine nicht kommerzielle Alternative zu Windows brauche.

Der Zeitungsblogger hat Ubuntu installiert. Er hat gestaunt, wie einfach das ging. Klar: Einige Male hat er auch geflucht. Das hätte er indes auch ohne die Computerbasteleien getan – dann aber übers schlechte Sommerwetter.

Meine Kolumne Weblog erscheint wöchentlich im Bund Showtime der Berner Zeitung. Der oben stehende Text wurde am 17. August 2005 in der BZ sowie auf Espace.ch veröffentlicht. Einige Tage nach der Publikation erscheinen die Weblogs jeweils hier auf borniert.com.

Arbeitslog: Die epochale Explosion

Potsdam vor gut 60 Jahren: Die Staatschefs der USA, Grossbritanniens und Russlands feilschen um die Aufteilung Europas. Und sie diskutieren über die Reparationszahlungen, die sie von den unterlegenen Deutschen einfordern wollen. Die Verhandlungen sind zäh. Josef Stalin will – anders als Harry S. Truman und Winston Churchill – hohe Reparationszahlungen. Und vor allem: Er fordert die Kontrolle über ein grösseres Gebiet, als die USA und Grossbritannien Russland zugestehen wollen. Derweil dauert der Krieg in Japan an.

Dann, während der Konferenz, erhält der US-Präsident Harry S. Truman die lange erwartete Nachricht: «Das Baby ist geboren». Oder im Klartext: Die Atombombe ist in der Wüste von New Mexico erfolgreich getestet worden. Damit hat J. Robert Oppenheimer das ehrgeizige Ziel des Manhattan-Projekts erreicht. Dreieinhalb Jahre nachdem der damalige Präsident Franklin D. Roosevelt das Waffenprogramm forciert hat, sind die ersten Bomben einsatzbereit. Über 130 000 Menschen haben im streng geheimen Manhattan-Projekt mitgearbeitet; bloss einzelne kannten dessen Ziel. Roosevelt hat nicht einmal seinen Vizepräsidenten eingeweiht. Erst nach der improvisierten Inauguration nach Roosevelts plötzlichem Tod ist Truman über die neuartige Bombe informiert worden. Und nun muss er bereits über ihren Einsatz entscheiden.

Drei Wochen später, am 6. August 1945, wirft der Bomber Enola Gay die Atombombe «Little Boy» über der japanischen Stadt Hiroshima ab. «Die Welt wird zur Kenntnis nehmen, dass die erste Atombombe über Hiroshima abgeworfen wurde, einer Militärbasis», sagt Truman – eben per Schiff in die USA heimgekehrt – drei Tage darauf in einer Radioansprache. Wenn sich Japan nicht ergebe, würden mehr derartige Bomben eingesetzt. Fast gleichzeitig detoniert die zweite Atombombe «Fat Man» – da in Kokura die Sichtverhältnisse zu schlecht waren über dem alternativen Ziel Nagasaki. Wenige Tage nach den Bombardements und dem fast zeitgleichen Einmarsch der Sowjetarmee in die Mandschurei endet der Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation Japans.

Die Entscheidung
«Die letzte Entscheidung, wo und wann die Atombombe einzusetzen war, lag bei mir», stellt Truman in seinen Memoiren klar: «Ich hielt die Atombombe für ein Kampfmittel und zweifelte nie daran, dass es eingesetzt werden müsse.» Seine höchsten militärischen Berater hätten ihm den Abwurf empfohlen, und auch Churchill habe ohne Zögern zugestimmt.

In seinen umfangreichen Memoiren beschreibt Truman nur bruchstückhaft, wie er den Entscheid gefällt hat. Er erwähnt die Erwägungen des Beraterausschusses unter Kriegsminister Henry L. Stimson: Das so genannte «Interim Committee» hat empfohlen, die Atombombe baldmöglichst und ohne Vorwarnung in Japan einzusetzen. Truman erwähnt jedoch nicht, ob er auch die Kritiker angehört hat.

Der Einsatz der neuen Bombe war selbst bei den Projektmitarbeitern umstritten. Ein engagierter Kritiker war der Physiker Leo Szilard, einer der Initianten des Manhattan-Projekts. Er warnte in einer Denkschrift vor einem atomaren Wettrüsten. Roosevelt verstarb aber, bevor Szilard ihm das Dokument zuspielen konnte. Truman erreichte er nicht. Im Gespräch mit dem designierten Staatssekretär James Byrnes – dem engsten Berater Trumans – stiess er auf Unverständnis. Szilard schrieb auch am Franck-Report mit, in dem sieben Politiker und Wissenschafter eine Demonstrationsexplosion forderten. Und er riet gemeinsam mit über 60 am Manhattan-Projekt beteiligten Wissenschafter in der «Szilard-Petition» vom Einsatz der Bombe in Japan ab. «Hätten die Deutschen die Atombombe auf unsere Städte geworfen», sagte Leo Szilard später in einem Interview, «hätten wir das ein Kriegsverbrechen genannt und die schuldigen Deutschen in Nürnberg zum Tode verurteilt.»

Auch andere standen der Atombombe kritisch gegenüber: Ralph A. Bard, Unterstaatssekretär im Marineministerium und Mitglied der Beratergruppe um Stimson, hat vorgeschlagen, Japan einige Tage vor dem Angriff zu warnen. General George Marshall hat empfohlen, «diese Waffe zuerst gegen ein strikt militärisches Ziel» einzusetzen und den Japanern die Chance zu geben, betroffene Städte zu evakuieren. Und Dwight D. Eisenhower, während des Kriegs Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa, hat Präsident Truman und Verteidigungsminister Henry L. Stimson mitgeteilt, dass er den Abwurf der Bombe für militärisch unnötig halte.

Der Atombomben-Mythos
Truman verteidigte zeitlebens seine Entscheidung: Die Abwürfe der beiden Atombomben hätten den Krieg verkürzt, argumentierte er. Damit sei eine US-Invasion in Japan überflüssig geworden. So hätten viele Soldaten vor dem Tod bewahrt werden können.

«Es ist ganz einfach nicht wahr, dass die Atombombe eingesetzt wurde, weil nur so ‹Hunderttausende› oder gar ‹Millionen› von Menschen vor dem Tode bewahrt werden konnten, wie im nachhinein behauptet wurde», schreibt der US-Historiker Gar Alperovitz. Dass sich dieser «Atombomben-Mythos» wider das historische Wissen hartnäckig halte, sei kein Zufall: «Führende Regierungsvertreter» hätten «hart daran gearbeitet» dies die Bevölkerung glauben zu machen.

Es stehe fest, dass es Alternativen zum Einsatz der Atombombe gab, schreibt Alperovitz, «und dass der Präsident und seine Berater dies wussten». Japan habe unmittelbar vor der Kapitulation gestanden: Viele Städte lagen in Schutt und Asche. Die Bevölkerung litt Hunger. Die Achsenmächte waren besiegt. Und der Einmarsch der Sowjetarmee in die Mandschurei stand unmittelbar bevor. Er streicht politische Fehler in der «Kaiserfrage» heraus: Hätte Truman weniger lange auf die «bedingungslose Kapitulation» gepocht und die Zusage, dass der Kaiser im Amt bleiben dürfe, einige Tage früher gemacht, hätte Japan wohl kapituliert. Bis zur geplanten Invasion der US-Truppen im November wäre der Krieg längst zu Ende gewesen – auch ohne die Atombomben. «Man hätte ohne weiteres die Kapitulationsbedingungen ändern und/ oder die Schockwirkung des Angriffs der Russen abwarten können», schreibt Alperovitz.

Doch die Regierung Truman räumte Japan kaum Zeit für Verhandlungen ein. Sie wollte dem Kaiser gegenüber keine Zugeständnisse machen. Und sie wollte das Feld nicht einzig den Russen überlassen. Unter diesen Voraussetzungen hätten tatsächlich bloss zwei militärische Optionen bestanden, so Alperovitz: eine Invasion oder die Atombomben. Damit sei eine «lautlose Dynamik» in Gang gekommen, die in den Abwurf mündete. Eine Diskussion über die Frage, ob die Bombe eingesetzt werden sollte oder nicht, wurde nie konkret geführt.

Streit der Historiker
Jahrzehntelang haben sich Historiker ein erbittertes Wortgefecht um den Einsatz der Atombombe geliefert. Insbesondere während des Kalten Krieges wurde als unpatriotisch gebrandmarkt, wer die Abwürfe hinterfragte. Heute sind sich die Wissenschafter weitgehend einig: Es waren mehrere Faktoren, die zum sofortigen Einsatz der neuen Bombentechnologie geführt haben. Da waren die militärischen Überlegungen. Da waren innenpolitische Gründe: die antijapanische Stimmung in den USA etwa oder die Vorstellung, das waghalsige und teure Projekt erfolgreich zu Ende führen zu müssen. Und da waren nicht zuletzt aussenpolitische und wirtschaftliche Gründe: Die USA wollte mit einer militärischen Machtdemonstration dem russischen Expansionsstreben Einhalt gebieten und das eigene Wirtschafts- und Wertesystem etablieren. So gesehen wäre es politisch mutiger gewesen, die neue Bombe nicht einzusetzen, als ihren Abwurf zu befehlen.

Potsdam vor gut 60 Jahren: Nach Eintreffen der Nachricht vom geglückten Trinity-Test, tritt Truman in den schwierigen Verhandlungen plötzlich viel selbstsicherer auf. Irgendwann nach den Beratungen schlendert er zu Stalin und erwähnt beiläufig, die USA verfügten jetzt über ein neues Kampfmittel von aussergewöhnlicher Zerstörungskraft. Stalin erwidert, es möge mit gutem Nutzen gegen Japan eingesetzt werden, zeigt aber sonst kein Interesse. Truman ahnt nicht, dass Stalin durch Agentenberichte schon gut über das Manhattan-Projekt informiert ist. Sowjetische Wissenschafter arbeiteten intensiv daran, ihren Rückstand in der Nukleartechnologie aufzuholen. Der Kalte Krieg hat bereits begonnen.

Dieser Artikel ist am 6. August 2005 in einer etwas angepassten Form in der Berner Zeitung BZ und auf Espace.ch erschienen. Literatur und Materialien: Gar Alperovitz: Hiroshima, Die Entscheidung für den Abwurf der Bombe, Hamburg 1995. Weiterführende Links: Dossier des Wissenschaftshistorikers Gene Dannen; Nuclear Files, ein Projekt der Nuclear Age Peace Foundation; Truman Library.