Weblog: 43 gute Vorstze

All die guten Vorsätze sind vergessen gegangen. Der Berner Zeitungsblogger zieht ernüchtert Bilanz: Im Studium ist er kaum einen Strich weiter gekommen. Der Kontrabass dient weiterhin vorab der Dekoration. Das Wechselduschen hat er auf einen kurzen, kalten Schauer nach langer Aufwärmphase reduziert. Vorsätze bringen nichts, wenn du sie um 5 vor 12 ausheckst und nach dem Anstossen gleich wieder vergisst, liest er sich selbst die Leviten. Er beschliesst: Dieses Mal schreibt er nieder, was er wie erreichen will. Wo, weiss er schon: auf 43things.com. Dort stückeln sich Nutzer ihre Ziele zusammen und feuern sich gegenseitig an. Der Berner Zeitungsblogger schmökert in den Sachen, die Andere in Zukunft vielleicht machen: 5271 wollen abnehmen, 4252 ein Buch schreiben, 3885 möchten sich verlieben. 3572 wollen glücklich werden, 3141 mehr Wasser trinken, 3059 mehr Fotos machen. 2950 wollen heiraten, 2841 ein Tattoo, 2785 ohne festen Plan auf einen Roadtrip.

Klar: Es ist nicht jedermanns Sache, hehre Vorsätze in alle Welt hinaus zu posaunen. Aufschreiben sollte man sie aber, rät Ralf Senftleben von Zeit zu Leben – und bietet ein ausgefeiltes Formular zum Herunterladen an. Professor Knoblauch hingegen hat auf Neujahrsvorsätze.de ein Formular online gestellt – und verspricht, Nutzer regelmässig per E-Mail an ihre Vorsätze zu erinnern. Spassiger ist Pläne schmieden aber mit 43things.com, findet der Berner Zeitungsblogger. Links gemeinsam mit Del.icio.us zu sammeln sei ja auch interessanter als alleine, genauso fotografieren mit Flickr.com, Musik hören mit Last.fm, ausgehen mit Upcoming.org.

2727 wollen die Nordlichter sehen, 2626 die Welt bereisen, 1520 einen Marathon laufen. 1318 wollen mit Passion leben, 1206 nicht mehr Nägel kauen, 1496 ein Geschäft eröffnen. Doch fertig jetzt, nimmt sich der Berner Zeitungsblogger bei der Nase. Dann haut er in die Tasten. Er wolle das Studium abschliessen, schreibt er. Er wolle sein Französisch und Englisch aufpolieren, Kontrabass spielen lernen. Viel weiter kommt er nicht, dann schweift er wieder ab. 933 wollen tanzen lernen, 738 ein Baby, 397 sich flach legen lassen. 25 wollen unter einem Wasserfall duschen, 122 mit den Delfinen schwimmen und 189 den Stamm einer Tomate mit der Zunge ausreissen. Die Allermeisten – 5417 Leute – haben sich vorgenommen, mit dem ewigen Zaudern aufzuhören. Auch der Berner Zeitungsblogger klickt nun auch auf «Stop procrastinating». Er hört auf zu zaudern, abzuwägen, Listen zu machen – und macht.

Meine Kolumne Weblog erscheint alle 14-Tage im Bund Showtime der Berner Zeitung. Der oben stehende Text wurde am 28. Dezember 2005 in der BZ veröffentlicht und steht auch auf Espace.ch. Nach der Publikation erscheinen die Weblogs jeweils hier auf Borniert.com.

Oh du Fröhliche

Läden lassen Lichtlein leuchten, Glitter glänzen, Weihnachtsmänner winken. Und die Kinderlein kommen und bringen Mami und Papi und Gotti und Götti mit deren Plastikkarten mit. Und auch die anderen kommen und kaufen und hasten und bugsieren. Ausser dem Zeitungsblogger: Dieser stösst sich am Gedrängel in den Konsumtempeln. Eine geschlagene halbe Stunde lang ist er neulich ums Shoppyland gekurvt. Dann hat er aufgegeben. Nein, in dieses Getümmel stürzt er sich nicht mehr. Er brüht sich stattdessen ein Glas Glühwein, setzt sich vor seinen Rechner und kauft von zu Hause aus ein.

Eine CD für die kleine Schwester? Der Zeitungsblogger sucht in einem der vielen Musikshops eine passende aus. Ein Buch für die Mutter und eines für den Vater? Der Zeitungsblogger klickt sich durch Klappentexte und Kritiken in OnlineBuchhandlungen und stöbert in Antiquariaten – per Suchmaschine in vielen gleichzeitig. Ein Lexikon für die Schwester? Der Zeitungsblogger schaut sich die Wikipedia-DVD genauer an. Die Verwandten hingegen beglückte er mit Selbstgemachtem: eigenen Fotos in Büchern oder Kalendern, wie sie von vielen Labors angeboten werden. Wie wärs mit einem Gutschein vom Filmverleiher DVD One für den Kollegen Kinogänger? Freute sich der Mitsänger an einem iTunes.ch-Gutschein und sein Mitstudent über freien Eintritt per Museumspass? Würde der Single mit einer Lizenz zum Flirten warm? Wie wäre es mit Präsenten ab Geschenkabo.ch: Für den Bruder, der nur noch schick gekleidet ins Geschäft kommt, bestellte er ein Socken- oder Krawattenabo. Nähme ihm der Kumpel, dessen Freundin sich jüngst zu später Stunde abschätzig über das Unter-der-Gürtellinie geäussert hat, ein Unterhosenabo wohl übel?

Schliesslich bestellt der Berner Zeitungsblogger noch, was er im Festmahl verkochen und in seinen Christstollen verbacken will: Sowohl Migros als auch Coop liefern den Einkauf nach Hause. Das ist ihm die paar Extra-Franken wert. Zufrieden lehnt sich der Zeitungsblogger nun zurück. Der Glühwein ist ausgetrunken, der Weihnachtseinkauf erledigt. Doch da fällt ihm noch etwas ein: Er schaut bei Lindt vorbei und bestellt ein Paket mit Pralinées – für den Pösteler.

Meine Kolumne Weblog erscheint alle 14-Tage im Bund Showtime der Berner Zeitung. Der oben stehende Text wurde am 14. Dezember 2005 in der BZ veröffentlicht und steht auch auf Espace.ch. Nach der Publikation erscheinen die Weblogs jeweils hier auf Borniert.com.

Stehfahrer

Der kaputte Velosattel ist triefend nass. Ein Plastiksackräuber hat den Migros-Sack geklaut, der den Sattel trocken halten sollte. Vor zwei Tagen hat einer am selben Ort – direkt vor dem Bahnhof – jenen von H&M mitlaufen lassen. Deshalb fahre ich nun im Stehen.

Altersnachmittag

Ach, wie doch die Zeit vergeht… Ja, dieses Jahr sind wir dran. Plötzlich steht eine 3 bei uns 75-ern vorne dran. Zugegeben: Das ist noch etwas ungewohnt. Aber ich werde damit zurecht kommen. Alter macht schliesslich weise, sagt man, oder zumindest altklug.

Nein, ich hadere nicht mit dem Alter. Ich zelebriere es. Und das mache ich mit dir zusammen – der fast Gleichaltrigen, dem fast Gleichaltrigen – am Samstag, dem 3. Dezember, ab 18.30 Uhr bei einem kleinen Apéro in meiner Altersresidenz, wo bis nach dem ersten Weltkrieg tatsächlich die „Pension Mattenheim“ gestanden hat, was immer das auch gewesen sein mag. Item, deine Alte oder deinen Alten darfst du gerne mitbringen. Und wenn du in deinem Alter bald schon wieder zurück ins traute Heim oder zu deinem Jungbrunnen willst: Kein Problem, ich freue mich, mit dir kurz aufs Altern anzustossen. Trage dich ein – und humpele vorbei.

Des alten Mannes Worte – für alle mit altersbedingter Leseschwäche

(Nein, mitbringen musst du nichts – was braucht man in meinem Alter schon noch. Wenns unbedingt sein muss, kannst du ja etwas zum Essen oder Trinken auftischen. Aber auch das ist nicht nötig. Irgendwo habe ich doch noch eine Güetzidose…)

Weblog: Auf Schatzsuche

Irgendwo hier muss er sein. Wo aber genau ist der Schatz: dort drüben beim knorrigen Baum, bei der Strassenlampe oder in den Büschen? Der Berner Zeitungsblogger irrt mit Navigationsgerät und Taschenlampe in den klammen Händen durchs Schneetreiben. Er spielt Geocaching, eine moderne Schnitzeljagd. Er hat dem Gerät Koordinaten eines Verstecks gefüttert, das er via Swissgeocache.ch auf Geocaching.com entdeckt hat. Und nun soll ihn der Navigator zum «Schatz» führen – einem Kistchen oder Tupperware mit Kleinmaterial darin. Dann darf er etwas heraus nehmen, sofern er Anderes hinein legt.

Hätte er sich nur früher auf den Weg gemacht, sinniert der Zeitungsblogger, als er vom knorrigen Baum zur Lampe schreitet, schliesslich gar zu den Büschen hinauf kraxelt und – zack – auf dem Hosenboden wieder hinunter schlittert. Aber eben: Zuerst meckerte das Gerät über die Koordinaten, die er eingetippt hatte. Dann ist er beim Lesen stecken geblieben, hat gestaunt, was die Leute mit ihren GPS-Geräten so alles anstellen: Manche verstecken also Tupperwares, die andere dann suchen. Über 1500 solcher «Schätze» gebe es in der Schweiz, steht auf Geocache.ch. Andere wandern, schwimmen, klettern dort hin, wo sich Längen- und Breitengrade kreuzen, und machen Fotos für Confluence.org. Andere spulen laut Gpsdrawing.com Routen ab, die, übertragen auf den PC, zu «selbst erfahrenen Bildern» werden. Weitere wandern, trekken und biken anhand der Wegmarken, wie sie Gps-tour.info sammelt. Brandneu ist Travelblog.ch, wo Reiseberichte direkt mit dem aktuellen Standort des Globetrotters ergänzt werden. Stationäre Blogger tragen ihre Koordinaten bei Geourl.org ein, damit sie auf einer Weblog-Karte zu finden sind. Der Zeitungsblogger hat das auch gemacht. Und so ist es spät geworden.

Das Schneegestöber wird dichter. Der Berner Zeitungsblogger gibt auf. Es ist zu dunkel für die Schatzsuche, brummelt er vor sich hin, und zu kalt. Und überhaupt: Wie ist er nur auf die abwegige Idee gekommen, zu dieser Jahreszeit Schätze zu jagen? Aber eben: Er muss das GPS-Testgerät bald zurück schicken. Doch zuvor will er den Schatz noch heben, beschliesst er daheim in der warmen Stube. Das GPS-Fieber hat ihn gepackt. Und für später wünscht er sich nun ein Navigationsgerät unter dem Weihnachtsbaum.

Meine Kolumne Weblog erscheint alle 14-Tage im Bund Showtime der Berner Zeitung. Der oben stehende Text wurde am 30. November 2005 in der BZ veröffentlicht und steht auch auf Espace.ch. Nach der Publikation erscheinen die Weblogs jeweils hier auf Borniert.com.