Cebit 2005

Die Flaggen flattern im Wind. Die Unternehmensvertreter, die Hostessen, die Arbeiter eilen aus der Stadtbahn durch den Regen auf das Messegelände. Dort herrscht bereits emsige Betriebsamkeit: Lieferwagen und Lastwagen kurven herum. In den Hallen montieren Arbeiter Stände, ziehen Kabel, drapieren Geräte. Am Donnerstagmorgen muss alles bereit sein. Dann öffnet die weltgrösste Computer- und Telekommunikationsmesse Cebit in Hannover ihre Tore.

Die Messeveranstalter sind zuversichtlich, auch wenn die Ausstellungsfläche nochmals minim kleiner geworden ist und einige grosse Unternehmen ihren Auftritt abgesagt haben. Denn es haben sich dieses Jahr mit 6 270 Ausstellern 161 mehr als im Vorjahr angemeldet. Rund die Hälfte aller Aussteller reist aus dem Ausland an: An der diesjährigen Cebit werden Unternehmen aus 69 Ländern erwartet. Stark vertreten sind solche aus dem asiatisch-pazifischen Raum. In der Länderstatistik liegt Deutschland vor Taiwan, China, den USA und Südkorea. Die Veranstalter erwarten 500 000 Besucher bis zum Ende der Cebit am 16. März.

Ein Gerät für alles
Während sieben Tagen werden die Hersteller demonstrieren, wie die ehemals getrennten Welten der Informatik, der Telekommunikation und der Unterhaltungselektronik zusammenwachsen. Revolutionäres ist wenig zu erwarten, dafür endlich praxistaugliche und marktfähige Geräte und Programme. Die Hersteller werden Handys zeigen, die wirklich als Ersatz für die Fotokamera, den CD-Spieler, das Radio taugen — und mit denen man zudem noch fernsehen, E-Mails schreiben und im Web surfen kann. Sie werden Mobiltelefone für das neue UMTS-Netz lancieren — und mit multimedialen Diensten die Kunden vom Nutzen des neuen Netzes zu überzeugen versuchen. Sie werden Telefone zeigen, mit denen man nicht nur über die normale Leitung sondern auch über das Internet telefonieren kann. Sie werden Computer für das Wohnzimmer präsentieren, schnellere Prozessoren, grössere Bildschirme, neuartige Kameralinsen, mögliche DVD-Nachfolger, Periferiegeräte, neue Software. Sie werden komplexe Programme für grössere Unternehmen und Verwaltungen demonstrieren. Und sie werden zeigen, wie Unternehmen ihre Daten effizient sichern und schützen können. Kurz: Die Anbieter werden jene Produkte zeigen, die der Informations- und Telekommunikationsbranche endlich einen zweiten Frühling bescheren sollen.

Zeichen des Frühlings
Willi Berchtold sieht diesen Frühling nahen: «Die Branche hat die Schwächephase der Jahre 2001 bis 2003 endgültig überwunden», sagt der Präsident des deutschen Branchenverbandes Bitkom. Die Konsumenten liessen sich wieder für neue Technologien begeistern – für Kamerahandys, Multimediaplayer, Breitbanddienste. Auch kleine und mittlere Unternehmen investierten wieder in ihre Computer- und in ihre Telekommunikationsinfrastruktur. Der Hardware-Markt entwickle sich zwar nur «moderat im Plus». Dafür werde aber in Programme und Sicherheitslösungen investiert — und in Dienstleistungen: Etliche Verwaltungen und Unternehmen lagerten die Betreuung der Computer und der Netzwerke an spezialisierte Unternehmen aus.

Das stimmt den Branchenverband zuversichtlich. Bitkom erwartet dieses Jahr im deutschen Markt ein Wachstum von 3.4 Prozent — ein dreimal höheres Wachstum als in der Gesamtwirtschaft. Erstmals seit Jahr 2000 werde die Branche wieder neue Arbeitsplätze schaffen können, so Berchtold. Die Kehrseite der Medaille sei aber, dass dieses Wachstum Begehrlichkeiten bei Verwertungsgesellschaften, Überwachungsbehörden und der Politik wecke. Bereits heute empfänden die Mitgliedsunternehmen die Politik als das grösste Hemmnis im Markt. Der Staat müsse sich auf die Bereiche konzentrieren, für die er wirklich zuständig sei, fordert Berchtold.

In den Hallen montieren Arbeiter Schriftzüge, rollen Teppiche aus, karren Getränke herum. Draussen ist die steife Brise geblieben. Nun drückt aber für kurze Zeit doch noch die Sonne durch die Wolkendecke. Vielleicht beginnt er doch in Hannover: der zweite Frühling der Informations- und Telekommunikationsbranche.

Dieser Artikel ist am 10. März in gekürzter Form in der Berner Zeitung erschienen.

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