Weblog: Der Pinguin kam im Sommer

Eigentlich hatte er sich den Sommer anders vorgestellt: Er wollte sich in der Sonne suhlen, durch Seen schwimmen, Berge erklimmen. Doch es kam anders: Kaum hatte der Berner Zeitungsblogger die Ferien eingeläutet, verabschiedete sich sein Rechner. Urplötzlich tickte er nur noch urkomisch vor sich hin. Zuerst tippte der Blogger auf einen Virus. Er wollte bereits zu einer Tirade auf das Betriebssystem mit den sperrangelweit offen stehenden Fenstern ansetzen. Doch dann wurde ihm klar, was passiert war: Die Festplatte hatte sich an der Platte fest den Lesekopf angeschlagen. Der Zeitungsblogger fürchtete um all die Buchstaben, die er irgendwann aneinander gereiht, um all die Schnappschüsse, die er irgendwann geknipst, um die Adressen, die er irgendwann fichiert hatte. Fiebrig durchwühlte er seine Stapel. Er fand zumindest ein leicht angestaubtes Backup. Ein Zeitungsblogger ohne Rechner, sinnierte er dann, sei wie ein Fisch ohne Wasser. Und so baute er flugs eine neue Platte in sein Thinkpad ein – statt sich im Marzili zu suhlen.

«Nein, Microsoft kann wirklich nichts dafür», wiegelte der Zeitungsblogger ab. «Trotzdem», insistierte sein Kollege. Jetzt, da er ein Betriebssystem neu installieren müsse, sei der Zeitpunkt für den Wechsel von Windows zu Linux gekommen. Das leuchtete dem Zeitungsblogger ein – nicht zuletzt, weil er keine Ahnung hatte, auf welchem Stapel seine Windows-CD lag. «Welche Distribtion?», fragte der Kollege. Der Zeitungsblogger faselte etwas von «alle haben Vor- und Nachteile», leerte das Glas und ging recherchieren.

Linux sei ein gemeinschaftlich entwickeltes Betriebssystem, las er bei Distrowatch. Das System mit dem Maskottchen Pinguin sei in diversen Zusammenstellungen – sprich: Distributionen – erhältlich. Bloss: Sollte er das dicke Paket von Suse kaufen, oder jenes von Mandriva? Wäre Linspire, das sich von Windows inspirieren liess, praktisch? Sollte er sich an Debian, Gentoo oder Slackware versuchen – jenen Distributionen, auf die Technikfans schwören? Der Zeitungsblogger fragte Kollegen um Rat. Einige empfahlen Ubuntu.

«Ubuntu» stamme aus der Sprache der Zulu und lasse sich mit «Gemeinwohl» oder «Menschlichkeit» übersetzen, las er. Hinter Ubuntu stecke die Firma Canonical des Südafrikaners Mark Shuttleworth – genau: dem Weltraumtouristen. Er habe 10 Millionen Dollar in die Ubuntu-Stiftung eingeschossen – weil er überzeugt sei, dass die Welt eine nicht kommerzielle Alternative zu Windows brauche.

Der Zeitungsblogger hat Ubuntu installiert. Er hat gestaunt, wie einfach das ging. Klar: Einige Male hat er auch geflucht. Das hätte er indes auch ohne die Computerbasteleien getan – dann aber übers schlechte Sommerwetter.

Meine Kolumne Weblog erscheint wöchentlich im Bund Showtime der Berner Zeitung. Der oben stehende Text wurde am 17. August 2005 in der BZ sowie auf Espace.ch veröffentlicht. Einige Tage nach der Publikation erscheinen die Weblogs jeweils hier auf borniert.com.

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