Arbeitslog: Die epochale Explosion

Potsdam vor gut 60 Jahren: Die Staatschefs der USA, Grossbritanniens und Russlands feilschen um die Aufteilung Europas. Und sie diskutieren über die Reparationszahlungen, die sie von den unterlegenen Deutschen einfordern wollen. Die Verhandlungen sind zäh. Josef Stalin will – anders als Harry S. Truman und Winston Churchill – hohe Reparationszahlungen. Und vor allem: Er fordert die Kontrolle über ein grösseres Gebiet, als die USA und Grossbritannien Russland zugestehen wollen. Derweil dauert der Krieg in Japan an.

Dann, während der Konferenz, erhält der US-Präsident Harry S. Truman die lange erwartete Nachricht: «Das Baby ist geboren». Oder im Klartext: Die Atombombe ist in der Wüste von New Mexico erfolgreich getestet worden. Damit hat J. Robert Oppenheimer das ehrgeizige Ziel des Manhattan-Projekts erreicht. Dreieinhalb Jahre nachdem der damalige Präsident Franklin D. Roosevelt das Waffenprogramm forciert hat, sind die ersten Bomben einsatzbereit. Über 130 000 Menschen haben im streng geheimen Manhattan-Projekt mitgearbeitet; bloss einzelne kannten dessen Ziel. Roosevelt hat nicht einmal seinen Vizepräsidenten eingeweiht. Erst nach der improvisierten Inauguration nach Roosevelts plötzlichem Tod ist Truman über die neuartige Bombe informiert worden. Und nun muss er bereits über ihren Einsatz entscheiden.

Drei Wochen später, am 6. August 1945, wirft der Bomber Enola Gay die Atombombe «Little Boy» über der japanischen Stadt Hiroshima ab. «Die Welt wird zur Kenntnis nehmen, dass die erste Atombombe über Hiroshima abgeworfen wurde, einer Militärbasis», sagt Truman – eben per Schiff in die USA heimgekehrt – drei Tage darauf in einer Radioansprache. Wenn sich Japan nicht ergebe, würden mehr derartige Bomben eingesetzt. Fast gleichzeitig detoniert die zweite Atombombe «Fat Man» – da in Kokura die Sichtverhältnisse zu schlecht waren über dem alternativen Ziel Nagasaki. Wenige Tage nach den Bombardements und dem fast zeitgleichen Einmarsch der Sowjetarmee in die Mandschurei endet der Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation Japans.

Die Entscheidung
«Die letzte Entscheidung, wo und wann die Atombombe einzusetzen war, lag bei mir», stellt Truman in seinen Memoiren klar: «Ich hielt die Atombombe für ein Kampfmittel und zweifelte nie daran, dass es eingesetzt werden müsse.» Seine höchsten militärischen Berater hätten ihm den Abwurf empfohlen, und auch Churchill habe ohne Zögern zugestimmt.

In seinen umfangreichen Memoiren beschreibt Truman nur bruchstückhaft, wie er den Entscheid gefällt hat. Er erwähnt die Erwägungen des Beraterausschusses unter Kriegsminister Henry L. Stimson: Das so genannte «Interim Committee» hat empfohlen, die Atombombe baldmöglichst und ohne Vorwarnung in Japan einzusetzen. Truman erwähnt jedoch nicht, ob er auch die Kritiker angehört hat.

Der Einsatz der neuen Bombe war selbst bei den Projektmitarbeitern umstritten. Ein engagierter Kritiker war der Physiker Leo Szilard, einer der Initianten des Manhattan-Projekts. Er warnte in einer Denkschrift vor einem atomaren Wettrüsten. Roosevelt verstarb aber, bevor Szilard ihm das Dokument zuspielen konnte. Truman erreichte er nicht. Im Gespräch mit dem designierten Staatssekretär James Byrnes – dem engsten Berater Trumans – stiess er auf Unverständnis. Szilard schrieb auch am Franck-Report mit, in dem sieben Politiker und Wissenschafter eine Demonstrationsexplosion forderten. Und er riet gemeinsam mit über 60 am Manhattan-Projekt beteiligten Wissenschafter in der «Szilard-Petition» vom Einsatz der Bombe in Japan ab. «Hätten die Deutschen die Atombombe auf unsere Städte geworfen», sagte Leo Szilard später in einem Interview, «hätten wir das ein Kriegsverbrechen genannt und die schuldigen Deutschen in Nürnberg zum Tode verurteilt.»

Auch andere standen der Atombombe kritisch gegenüber: Ralph A. Bard, Unterstaatssekretär im Marineministerium und Mitglied der Beratergruppe um Stimson, hat vorgeschlagen, Japan einige Tage vor dem Angriff zu warnen. General George Marshall hat empfohlen, «diese Waffe zuerst gegen ein strikt militärisches Ziel» einzusetzen und den Japanern die Chance zu geben, betroffene Städte zu evakuieren. Und Dwight D. Eisenhower, während des Kriegs Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa, hat Präsident Truman und Verteidigungsminister Henry L. Stimson mitgeteilt, dass er den Abwurf der Bombe für militärisch unnötig halte.

Der Atombomben-Mythos
Truman verteidigte zeitlebens seine Entscheidung: Die Abwürfe der beiden Atombomben hätten den Krieg verkürzt, argumentierte er. Damit sei eine US-Invasion in Japan überflüssig geworden. So hätten viele Soldaten vor dem Tod bewahrt werden können.

«Es ist ganz einfach nicht wahr, dass die Atombombe eingesetzt wurde, weil nur so ‹Hunderttausende› oder gar ‹Millionen› von Menschen vor dem Tode bewahrt werden konnten, wie im nachhinein behauptet wurde», schreibt der US-Historiker Gar Alperovitz. Dass sich dieser «Atombomben-Mythos» wider das historische Wissen hartnäckig halte, sei kein Zufall: «Führende Regierungsvertreter» hätten «hart daran gearbeitet» dies die Bevölkerung glauben zu machen.

Es stehe fest, dass es Alternativen zum Einsatz der Atombombe gab, schreibt Alperovitz, «und dass der Präsident und seine Berater dies wussten». Japan habe unmittelbar vor der Kapitulation gestanden: Viele Städte lagen in Schutt und Asche. Die Bevölkerung litt Hunger. Die Achsenmächte waren besiegt. Und der Einmarsch der Sowjetarmee in die Mandschurei stand unmittelbar bevor. Er streicht politische Fehler in der «Kaiserfrage» heraus: Hätte Truman weniger lange auf die «bedingungslose Kapitulation» gepocht und die Zusage, dass der Kaiser im Amt bleiben dürfe, einige Tage früher gemacht, hätte Japan wohl kapituliert. Bis zur geplanten Invasion der US-Truppen im November wäre der Krieg längst zu Ende gewesen – auch ohne die Atombomben. «Man hätte ohne weiteres die Kapitulationsbedingungen ändern und/ oder die Schockwirkung des Angriffs der Russen abwarten können», schreibt Alperovitz.

Doch die Regierung Truman räumte Japan kaum Zeit für Verhandlungen ein. Sie wollte dem Kaiser gegenüber keine Zugeständnisse machen. Und sie wollte das Feld nicht einzig den Russen überlassen. Unter diesen Voraussetzungen hätten tatsächlich bloss zwei militärische Optionen bestanden, so Alperovitz: eine Invasion oder die Atombomben. Damit sei eine «lautlose Dynamik» in Gang gekommen, die in den Abwurf mündete. Eine Diskussion über die Frage, ob die Bombe eingesetzt werden sollte oder nicht, wurde nie konkret geführt.

Streit der Historiker
Jahrzehntelang haben sich Historiker ein erbittertes Wortgefecht um den Einsatz der Atombombe geliefert. Insbesondere während des Kalten Krieges wurde als unpatriotisch gebrandmarkt, wer die Abwürfe hinterfragte. Heute sind sich die Wissenschafter weitgehend einig: Es waren mehrere Faktoren, die zum sofortigen Einsatz der neuen Bombentechnologie geführt haben. Da waren die militärischen Überlegungen. Da waren innenpolitische Gründe: die antijapanische Stimmung in den USA etwa oder die Vorstellung, das waghalsige und teure Projekt erfolgreich zu Ende führen zu müssen. Und da waren nicht zuletzt aussenpolitische und wirtschaftliche Gründe: Die USA wollte mit einer militärischen Machtdemonstration dem russischen Expansionsstreben Einhalt gebieten und das eigene Wirtschafts- und Wertesystem etablieren. So gesehen wäre es politisch mutiger gewesen, die neue Bombe nicht einzusetzen, als ihren Abwurf zu befehlen.

Potsdam vor gut 60 Jahren: Nach Eintreffen der Nachricht vom geglückten Trinity-Test, tritt Truman in den schwierigen Verhandlungen plötzlich viel selbstsicherer auf. Irgendwann nach den Beratungen schlendert er zu Stalin und erwähnt beiläufig, die USA verfügten jetzt über ein neues Kampfmittel von aussergewöhnlicher Zerstörungskraft. Stalin erwidert, es möge mit gutem Nutzen gegen Japan eingesetzt werden, zeigt aber sonst kein Interesse. Truman ahnt nicht, dass Stalin durch Agentenberichte schon gut über das Manhattan-Projekt informiert ist. Sowjetische Wissenschafter arbeiteten intensiv daran, ihren Rückstand in der Nukleartechnologie aufzuholen. Der Kalte Krieg hat bereits begonnen.

Dieser Artikel ist am 6. August 2005 in einer etwas angepassten Form in der Berner Zeitung BZ und auf Espace.ch erschienen. Literatur und Materialien: Gar Alperovitz: Hiroshima, Die Entscheidung für den Abwurf der Bombe, Hamburg 1995. Weiterführende Links: Dossier des Wissenschaftshistorikers Gene Dannen; Nuclear Files, ein Projekt der Nuclear Age Peace Foundation; Truman Library.

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