Trockenrocken

Endlich: Das Wochenendprogramm ist da. Die Wassermassen haben das Mattefescht weggespült. Am Freitag und Samstag steigt nun aber vor dem Stade de Suisse Wankdorf das Solidaritätsfest Wetrock – unter anderen mit Gigi Moto, Mich Gerber (hoffentlich mit trockenem Bass), Stiller Has, Tomazobi und Open Season. Sieht man sich beim Trockenrocken?

Die Rckfhrung (Teil II)

Sonntagmittag: Beim zweiten Versuch klappt es. Ich darf nicht nur in die Wohnung zurück. Ich darf nun auch dort wohnen. Oder besser: Ich darf dort campieren. Zwar gibt es Gas und Strom. Die Toilette darf jedoch noch nicht benutzt werden; die Notdurft verrichtet man notdürftig auf den Chemietoiletten beim Schulhaus. Zudem gibt es in unserem Haus kein fliessendes Wasser – oder in Anbetracht der vergangenen Ereignisse vielleicht besser: kein Leitungswasser. Der Keller unseres Hauses steht noch zur Hälfte unter Wasser. Erst der Sattel meines Rennvelos ist nach einer Woche in der braunen Brühe wieder aufgetaucht.

Am Abend pumpt die Feuerwehr den Keller soweit leer, dass man die Kellerabteile wieder erreichen kann. Bei meinem steht die Tür sperrangelweit offen; ich habe sie vor dem Unwetter bloss angelehnt. Im Abteil liegt alles an einem Haufen: die schweren Kisten mit den Büchern, Ordnern und Dias, die Schuhe, Werkarbeiten, Inlineskates, die Elektrogeräte und Militärsachen. Ich lasse alles liegen.

Am Abend schlendere ich durch die Matte ins „Tramdepot“. Denn Brot habe ich keines im Schrank. Und zum Kochen fehlt das Wasser. Die paar Gegenstände in meinem Keller sind eine Bagatelle im Vergleich zu dem, was ich unterwegs sehe: Entlang der Häuser liegen mannshohe Haufen – das Interieur ganzer Haushalte, die Waren der meist kleinen Geschäfte. Einige davon haben keine Versicherungsgesellschaft gefunden, die sie – nach den früheren Hochwasser – noch versichern wollte. Am Geländer des provisorischen Holzstegs trocknen notdürftig gereinigte Teppiche. Auf dem Rückweg scheint die Matte wie ausgestorben. Einzig Militär, Feuerwehr und Polizei patroullierten durch das Quartier.

Am nächsten Morgen: Die Mitarbeiterin der „Mobiliar“ kommt vorbei und macht ein Foto des Kellerabteils – ein Totalschaden, wie sie sagt, ausser dem Velo vielleicht, das ich zum Mechaniker bringen soll. Nun kann die Arbeit beginnen. Das Wasser hat die schweren Kisten mit den Büchern und den Ordnern umgekippt; trotz der Kehrichtsäcke, in die ich die Bücher gepackt hatte, sind sie komplett durchnässt. Die Kartonschachteln sind in eine schlammige Pappe zerfallen, die Kleingegenstände, Werkarbeiten und Souvenirs liegen verstreut am Boden. Meine Wanderschuhe und eine kleine Holzschachtel aus dem Werkunterricht sind bis zum Kellereingang geschwommen. Und eines der beiden Djembes liegt in der anderen Ecke des Kellers bei der Waschmaschine. Kiste um Kiste trage ich die Gegenstände aus dem Keller vor das Haus. Dort mache ich das Inventar, öffne nochmals die alten Hefte und Bücher, sortiere einige Gegenstände aus. Doch zu retten gibt es wenig. Das meiste landet auf dem Müllhaufen vor dem Haus, darunter alle Notizen, Arbeiten, Lager- und Exkursionsberichte aus dem Lehrerseminar, das persönliche Archiv der Schülerzeitung Klack, Notizbücher, Aufzeichnungen, Fotos aus der Kindheit. Einige Gegenstände spüle ich gegen Abend ab, versuche den stinkenden Schlamm abzuwischen, lasse sie auf meinem Balkon trocknen.

Insgesamt fünf Keller räumen meine Nachbarn mit zwei jungen Helfern, die eine Nachbarin engagiert hat, und mir an diesem Tag im Licht von Taschenlampen leer; die vom älteren Nachbarsehepaar angeforderten Hilfskräfte treffen nicht ein.

Zwischendurch zeigt mir ein Kollege seine Wohnung: Die vor kurzem komplett renovierte Wohnung muss ganz saniert werden. Alles liegt unter einer Schicht Schlamm, die Wandisolation fällt in Brocken ab, der Parkettboden wölbt sich entlang den Wänden kniehoch.

Derweil pumpt die Feuerwehr im Keller unserer Liegenschaft das restliche Wasser ab und fordert einen Elektriker an. Dieser setzt später die so genannte Fäkalpumpe wieder in Betrieb, die unser Sickerwasser aus dem Keller in die höher gelegene Kanalisation pumpt. Zwei Mitarbeiter der EWB finden heraus, weshalb unser Haus – anders als die umliegenden Liegenschaften – noch immer kein Leitungswasser hat: Offenbar hat ein Mitarbeiter am Anfang der Überschwemmung versehentlich statt der Gas- die Wasserzufuhr abgestellt; die beiden – schlecht beschrifteten – Deckel befinden sich in der Strasse gleich nebeneinander. Sie drehen die Wasserversorgung wieder an, stellen dafür die Gasversorgung ab. Diese müsse zuerst kontrolliert werden. Die Zuleitung befindet sich aber im Abteil jener Mieter, die erst am kommenden Tag kommen können. Warmwasser gibt es auf unbestimmte Zeit keines: Das mannshohe Expansionsgefäss für das Wasser liegt umgekippt im Heizungsraum. Dort müsse wohl alles ersetzt werden, sagt der Mitarbeiter der EWB.

Nach 12 Stunden im Keller und vor dem Haus, wasche ich meine Kleider behelfsmässig unter der Dusche aus, rubble dann unter dem kalten Wasser die Dreckkruste von meiner Haut. So, das derzeit Wichtigste ist erledigt: Der Keller ist fast ganz geräumt.

Die Rckfhrung (Teil I)

Die „Rückführung“ könne beginnen. Diese Meldung entdeckte ich gestern Abend kurz vor Verlassen des Büros auf der Notseite des Matte-Leistes. (Ein grosses Merci übrigens an Rosmarie Bernasconi und Peter Maibach für die Fernbetreuung der Notseite, der ausführlichsten Informationsquelle während der Überschwemmung.) Zuerst habe ich ja etwas geschmunzelt über den Begriff „Rückführung“, wie er in der Polizeimeldung stand. Doch ich sollte eines besseren belehrt werden.

Doch der Reihe nach: Ich wuchtete den Rucksack auf den Rücken – zufälligerweise hatte ich am Morgen vor der Evakuation meine schmutzigen Kleider mitgenommen, um sie im offenbar einzigen zentralen Selbst-Waschsalon beim Café Kairo zu waschen – und machte mich auf den Weg. Unten am Läuferplatz angekommen, erledigten zwei Polizisten die Formalitäten und eine psychologische Betreuerin versuchte mich in ein Gespräch über die Belastungen eines Lebens ohne Strom, fliessendes Wasser und Gas zu verwickeln.

Und dann wurde ich tatsächlich zurück geführt. Nein, nicht von einem Geistheiler oder so, sondern von einem Polizisten. Während wir an zerborstenen Schaufenstern und Schutthaufen vorbei durch eine gespenstisch ausgestorbene Matte wandelten, erzählte er mir, dass derzeit viele Leute kämen, die in der Matte nichts zu suchen hätten – vorwiegend Gaffer und Katastrophentouristen, aber nicht nur: Ohne die Polizeipräsenz und die Begleitung könnte es zu Plünderungen kommen, sagte der Polizist. So gut bewacht war meine Wohnung noch nie.

Der Eingangsbereich des Hauses war entwässert; der ehemals vollständig gefüllte Keller bis zur viert untersten Treppenstufe ausgepumpt. Ich stellte den Rucksack ab, bedankte mich beim Polizisten. Dieser wollte aber nicht gehen. Er müsse mich wieder aus dem Sperrgebiet begleiten, sagte er. Die Liegenschaftsverwaltung hätte die Wohnung noch nicht abgenommen, was die Polizisten auf dem Läuferplatz offenbar nicht gewusst haben. Und so schulterte ich wieder meinen Rucksack und kehrte zurück in mein Exil am Fusse des Frienisbergs.

Evakuiert

Soeben bin ich zwangsevakuiert worden. Meine Untermieterin – die Frau, die unter mir mietet – hat mich im Büro angerufen. Offenbar hat die Polizei nun auch jene aus unserem Wasserschloss geholt, die bislang dem kalten Wasser, dem kaputten Cablecom-Anschluss und dem etwas unorthodoxen Heimweg per Wassergraben und Kletterpartie getrotzt haben. Tatsächlich: Die Matte werde zwangsevakuiert, steht in einer heutigen Polizeimeldung.

Eine andere Nachbarin klagte am Telefon, die Polizei mache auf Panik. Die Beamten hätten sie sehr rüde aufgefordert, das Haus sofort zu verlassen, und ihr kaum Zeit zum Packen gelassen.

Bislang hatte ich das Gefühl, dass man in unserem Gebäude trotz des bis zur Decke gefüllten Kellers und einigen Zentimetern Wasser im Hauseingang gefahrlos „campieren“ kann. Aber eben: Von Statik verstehe ich nichts. Und selbst ein unnötiges Evakuieren ist wohl besser als einen Unfall zu riskieren.

Der schnellste Weg

Heute konzertiert Variaton im Mattenhof zu Gümligen. Wie aber komme ich von der Matte dort hin, fragte ich mich? Glücklicherweise habe ich einen Routenplaner. Und der hat den schnellsten Weg nach Gümligen auch prompt ausgespuckt. Ich habe daraufhin ein Mobility-Auto reserviert und bin losgefahren. Irgend etwas ist aber schief gelaufen. Mein Miniauftritt am Konzert dürfte sich etwas verspäten. Lieber Variaton-Vorstand, richtet dem Publikum schon mal einen herzlichen Gruss von mir aus – aus dem Rank auf der Mattentreppe…

Der schnellste Weg nach Gümligen

Die Neue

Es war keine einfache Entscheidung. Doch es gab keinen anderen Ausweg. Meine gute alte Website ist in die Jahre gekommen. Sie sieht nicht nur altmodisch aus. Viel schlimmer: Sie plaudert nur noch aus der guten alten Zeit. Was in den vergangenen Jahren passiert ist, scheint sie nicht zu kümmern. Sie scheint nicht einmal davon Notiz zu nehmen.

Das passt mir nicht. Einige Male habe ich versucht sie zu ändern. Sie aber war offensichtlich zu wenig flexibel. Ich vermute gar: Sie wollte sich gar nicht ändern lassen. Und so habe ich mich schliesslich schweren Herzens dazu entschlossen, mir eine Neue zuzulegen. Dynamisch soll sie sein, die Neue, immer am Puls der Zeit. Sie soll mich bei meinen Projekten und auf meinen Reisen begleiten. Sie soll unseren Gästen zuhören; sie soll Kommentare, Lob und Kritik an mich weiterleiten. Und ab und zu an einem gemütlichen Abend soll sie mir die gemeinsamen Erlebnisse wieder in Erinnerung rufen. Ob wir zwei harmonieren, wird sich zeigen. Ich jedenfalls gebe mir dieses Mal wirklich Mühe. Im Namen von uns beiden: Herzlich willkommen auf borniert.com.